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Aktuelles aus Hünfeld

Jüdisches Leben als Teil der Regionalgeschichte


Hünfeld. Eine außergewöhnlich umfangreiche und detaillierte Ausstellung über das jüdische Leben der zurückliegenden 400 Jahre in Rhön und Hünfelder Land besteht derzeit in der Hünfelder Konrad-Zuse-Schule. Diese Ausstellung wird im Unterricht und für schulische Veranstaltungen genutzt, soll aber auch am Montag, 17. Februar, ab 18 Uhr im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung vorgestellt werden.

Zusammengetragen hat die Ausstellung Dr. Michael Imhoff vom Bildungsverein Zukunftsbildung Fulda e. V. in Zusammenarbeit mit Joachim Schulz. Imhof forscht seit Anfang der 80-er Jahre über die Geschichte des jüdischen Lebens in der Region. Ihm sei es in seiner Ausstellung wichtig gewesen, einen Ort der Begegnung zu schaffen, betonte Schulleiterin Susanne Diegelmann, die auch die enge Kooperation mit dem Konrad-Zuse-Museum mit Stadt- und Kreisgeschichte in Hünfeld hervorhob. Auch dieses Museum verfüge über eine Abteilung über das jüdische Leben der Region. Der Kontakt kam zustande durch die Lehrerin der Konrad-Zuse-Schule, Petra Stephanblome, die diese Ausstellung mit vorbereitet hatte. Diegelmann sieht die Ausstellung als einen Beitrag zur Aufgabe, die das Kultusministerium gestellt habe, dass auch die die Schulen dafür eintreten sollen, dass Antisemitismus keinen Platz in der Gesellschaft haben dürfe. Sie freute sich, dass auch Stadträtin Martina Sauerbier zu dieser Ausstellungseröffnung gekommen. Die Stadt pflege eine wertschätzende Unterstützung der Schule.

Dr. Imhoff spannte bei der Vorstellung der Ausstellung, die musikalisch mit jüdischen Liedern durch das Schüler- und Lehrerorchester der Schule umrahmt worden war, einen weiten Bogen von den ersten Spuren jüdischen Lebens in Fulda zur Ansiedlung von jüdischen Familien in Landgemeinden und Dörfern der Rhön und des Hünfelder Landes. Die Verfolgung und Vertreibung von Juden habe bereits 70 Jahre nach Christi Geburt nach der Zerstörung des Tempels von Jerusalem begonnen. Die Juden seien danach zunächst in die großen römischen Städte und damit auch über die Alpen in die Metropolen entlang des Rheins gezogen. Vergegenwärtige man sich historische Zeugnisse aus dieser Zeit, so sei bemerkenswert, dass die Sprache der Wissenschaft zwar Latein gewesen sei, die Sprache des Handels aber Jiddisch. Die Geschichte der jüdischen Kultur nördlich der Alpen sei älter als die Geschichte der Christianisierung. Dennoch waren die Juden häufig ausgegrenzt worden. Auch für Fulda sei ein erstes Pogrom mit der Verfolgung und Ermordung von Juden bereits für 1235 nachgewiesen. 1349 seien 200 Fuldaer Juden ermordet worden. Zur Zeit der Kreuzzüge habe es immer wieder Überfälle, Mord und Plünderungen im jüdischen Teil der Bevölkerung gegeben. Dabei habe Fulda nicht nur in der Christianisierung eine bedeutende Rolle gespielt, die Fuldaer Judenschule habe Studenten aus ganz Deutschland angezogen. Die Unterdrückung des jüdischen Teils der Bevölkerung zeige sich auch darin, dass sie im Spätmittelalter das doppelte an Steuern zahlen mussten wie christliche Familien, obwohl sie häufig zu den Ärmeren gehört hätten. In Zeiten der Pestepidemien sei den Juden vorgeworfen worden, sie hätten Brunnen vergiftet, was zu erneuten Pogromen geführt habe. Einen großen Exodus der jüdischen Bevölkerung aus den Städten gab es im 17. Jahrhundert. Allein 1659 wurden aus Fulda innerhalb von drei Monaten 300 bis 400 jüdische Familien vertrieben, die sich außerhalb des Fürstbistums in den Ritterschaften, beispielsweise in Tann und im Haunetal angesiedelt haben. Viele von ihnen seien aber auch nach Osteuropa gezogen.

Jüdisches Leben in Hünfeld ist seit 1342 aktenkundig bekannt. In napoleonischer Zeit, als die jüdischen Bürger erstmals dieselben Bürgerrechte wie ihren christlichen Nachbarn zugestanden wurden, gab es in Hünfeld sieben Familien. 1811 erfolgte die „Eindeutschung“ jüdischer Namen, so dass die Familien auch in Hünfeld Namen trugen wie sie heute noch aus Erinnerungen bekannt sind wie Braunschweiger, Strauß und Katz. Aus einem David Anscher wurde beispielsweise ein David Strauß. Allerdings wurde in Zeiten der Restauration nach dem Wiener Kongress die Zahl der jüdischen Bürger in den Gemeinden der Rhön gedeckelt, so das Juden erst dann zuziehen konnten, wenn ein anderes Gemeindemitglied gestorben war. Dr. Imhoff machte anhand von Viehverkaufsverträgen deutlich, dass die von den Nationalsozialisten und anderen Antisemiten geprägte Vorurteile gegenüber jüdischen Händlern unbegründet waren. Die Kaufverträge wurden seinerzeit durch den Stadtschreiber und den jeweiligen Bürgermeister gegengezeichnet.

Schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts hätten offen antisemitische Parteien in Teilen der Region bereits die Mehrheit der Wähler auf sich vereinigen können. Während dies in katholischen Regionen weniger ausgeprägt war durch die Stärke der Zentrumspartei, sei dies in evangelischen Orten noch deutlicher zu Tage getreten. Diese antisemitische Haltung habe sich unter den Nationalsozialisten dann radikalisiert. Von den 112 jüdischen Bewohnern Burghauns wurden 64 umgebracht. Von den 55 Hünfelder Juden wurden 30 in bestialischer Weise ermordet.

Dr. Imhoff spannte dabei auch einen Bogen zum heutigen Wiedererstarken rechter und rechtspopulistischer Parteien und antisemitischer Gewalt. Deshalb sei erinnern wichtig, um wachsam zu bleiben.

 

Öffentliche Führung

Die Ausstellung 400 Jahre jüdisches Leben in der Rhön und im Hünfelder Land wird im Rahmen einer öffentlichen Führung mit Dr. Michael Imhoff und Elisabeth Sternberg-Siebert am Montag, 17. Februar, ab 18 Uhr im Mehrzweckraum der Konrad-Zuse-Schule gezeigt.

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